GamesMarkt: Warum eigentlich nicht PEGI in Deutschland?

PEGI-Alterskennzeichen
In der Kolumne “Standpunkt” bezieht BIU-Geschäftsführer Olaf Wolters regelmäßig Stellung zu wichtigen Themen der Spielebranche sowie zu aktuellen politischen Geschehnissen in Zusammenhang mit der Gamesindustrie.
Der Aufruhr war groß. Pünktlich zum gamescom congress postuliert der für das internationale Geschäft zuständige EA-Manager Dr. Gerhard Florin die Forderung nach der Einführung von PEGI in Deutschland. Die Forderung ist natürlich aus internationaler Sicht absolut berechtigt und nachvollziehbar. PEGI wird seit der Einführung im Jahr 2002 in nunmehr 29 europäischen Ländern genutzt und ist in einigen Ländern sogar das offiziell staatlich unterstützte Alterskennzeichnungssystem. Damit ist PEGI der einzige wirksame europäische Jugendschutzstandard, der über alle Vertriebswege und Ländergrenzen hinweg ein altersgerechtes Spielen sicherstellen kann. PEGI bietet eine funktionierenden Jugendschutz online wie offline – und das europaweit. Trotzdem zeigte sich insbesondere die Politik von der Forderung irritiert und nutzte jede Gelegenheit, dieser Idee den politischen Boden zu entziehen. Alle Parteien haben umgehend dem deutschen Alterskennzeichnungssystem den Vorzug gegeben und ihre Solidarität bekundet. Diese Reaktion war abzusehen und ist aus Sicht der Politik wohl auch folgerichtig. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle wurde bereits mit Unterstützung der Senatsverwaltung Berlin im Jahr 1994 gegründet und organisiert seit 2003 zusammen mit den Obersten Landesjugendbehörden das Alterskennzeichnungsverfahren. Damit ist das deutsche System deutlich älter als PEGI und hierzulande sogar nach der Evaluation des Hans-Bredow-Instituts politisch allgemein anerkannt. Ein weiterer Grund für die politische Unterstützung ist die unmittelbare staatliche Beteiligung.
In Deutschland sind die Alterskennzeichen Verwaltungsakte des federführenden Landes Nordrhein-Westfalen. Der Staat würde bei einer Einführung von PEGI seine Kompetenzen im Bereich der Alterskennzeichen verlieren, womit er sich naturgemäß schwertun wird. Wenn alle recht haben, stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Fakt ist, dass das deutsche System keine Antwort auf die Probleme des grenzüberschreitenden Warenverkehrs liefert. Grauimporte und Onlineversandhandel durchlöchern den deutschen Jugendschutzstandard. Die ungeklärte Zuständigkeit für den Onlinevertriebsweg und eine drohende Aufspaltung der staatlichen Zuständigkeit in diesem Bereich gefährden die industrielle Unterstützung des bestehenden Systems.
Wenn es nicht gelingt, eine Onlinezuständigkeit der bisherigen Institutionen zu schaffen, wird sich die Situation in Deutschland in den kommenden Jahren dramatisch verschlechtern. Die internationalen Unternehmen werden dem deutschen System ihre Unterstützung entziehen, und das deutsche Alterskennzeichen wäre damit nur noch im stationären Handel bei Abgabe von Datenträgern relevant. Die Altersverifikationssysteme auf den Spielplattformen sowie der gesamte Onlinehandel würden auf den PEGI-Standard umgestellt werden. Damit würden man in Deutschland den Konsumenten faktisch zwei Systeme zumuten. Am sinnvollsten erscheint ein sauberer Kompromiss. Das deutsche System könnte sich flexibler zeigen und sich dem europäischen Standard annähern. Im Gegenzug könnten die internationalen Kollegen den deutschen Weg auch in Zukunft weiterhin tolerieren und die friedliche Koexistenz der inhaltlich gar nicht so unterschiedlichen Systeme fortsetzen.
Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware
(Quelle: GamesMarkt, mit freundlicher Genehmigung)





