Bundestagswahl 09: Interview mit Philipp Mißfelder

Dienstag, September 22, 2009
By Gerald Jörns
Bundestagswahl © DBT

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Viele Gamer erhalten auf Anfragen, wie die Parteien zu gewaltdarstellenden Videospielen stehen, leider regelmäßig Standardantworten, die auf aktuelle Entwicklungen nicht eingehen. Zum Teil wird noch von der geplanten Verschärfung der Indizierung gesprochen, obwohl diese längst beschlossen und umgesetzt ist. Auch in den Wahlprogrammen findet sich über ein „Killerspielverbot“ keine eindeutige Aussage. Wir haben nun die medienpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen um Stellungnahmen gebeten:

stigma:
Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Könnten Sie sich unseren Besuchern kurz vorstellen?

Philipp Mißfelder:
Hallo, ich bin Philipp Mißfelder, Jahrgang 1979 und studierter Historiker. Seit 2002 bin ich Bundesvorsitzender der Jungen Union Deutschlands und seit 2008 Mitglied im Präsidium der CDU Deutschlands. Im Deutschen Bundestag beschäftige ich mich als stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses Neue Medien intensiv mit dem Thema Online- und Videospiele.

stigma:
Als Reaktion auf Winnenden haben viele namhafte Unternehmen auch praktische Konsequenzen gezogen. Während die Deutsche Bahn Werbung für bestimmte Videospiele eingestellt hat haben Kaufhäuser und Supermärkte Spiele „ab 18“ als Zeichen für soziale und gesellschaftspolitische Verantwortung aus den Regalen genommen oder komplett aus dem Sortiment gestrichen. Beim sozialen Netzwerk mysuccess muss sich sogar jedes neue Mitglied einem Verhaltenskodex unterwerfen, der den vollkommenen Verzicht von Killerspielen beinhaltet. Diese und ähnliche Maßnahmen wurden von der Politik ausdrücklich begrüßt. Nach den Worten von Jürgen Kucharczyk (SPD-Bundestagsfraktion) sollten andere Kaufhäuser und Videotheken diesem Beispiel folgen. Auch Bayerns Medienminister Siegfried Schneider gratuliert Kaufhof zum mutigen Schritt als Beitrag zu einem wirksamen Kinder- und Jugendschutz und zur gemeinsamen Ächtung von Gewalt in Computerspielen. Was ist die offizielle Meinung Ihrer Partei zu diesen Bespielen von gelebter Unternehmensverantwortung in Bezug auf gewaltdarstellende Videospiele?

Philipp Mißfelder:
Die Politik kann den Firmen hierbei keine Empfehlungen geben oder Vorschriften erlassen. Aus Sicht der Jungen Union ist es ausreichend, den bestehenden Jugendschutz konsequent anzuwenden. Damit ist bereits sicher gestellt, dass altersindizierte Spiele auch nicht an zu junge Kunden verkauft werden. Wenn diese Vorschriften im Alltag auch eingehalten werden, werden die Einzelhändler ihrer Verantwortung am besten gerecht. Ohnehin sind nur etwa fünf Prozent der Computerspiele als gewaltverherrlichend eingestuft.

stigma:
Nach Winnenden konnten in diversen Städten eSport-Turniere und LAN-Parties nicht stattfinden. Dies ist maßgeblich auf den Druck von CDU, SPD und Grünen in den jeweiligen Städten zurückzuführen. Allgemein will man derartige Spielen in öffentlichen Gebäuden nicht dulden, da solche Veranstaltungen Gaming „hoffähig“ machen könnten. Vereinzelt gab es jedoch Kritik an der Art, wie man diese Veranstaltungen unterbunden hat. So forderte der Oberbürgermeister von Karlsruhe rechtliche Grundlagen für ein Verbot solcher Veranstaltungen zu schaffen, da man die Gamer nicht willkürlich in die Illegalität drängen könne.
Wünschen Sie sich die Schaffung einer rechtlichen Grundlage für ein Verbot solcher Veranstaltungen? Wie stehen Sie allgemein zum Vorgehen gegen den eSport, den selbst der Journalist Rainer Fromm für „ok und zukunftsträchtig“ hält?

Philipp Mißfelder:
Ein derartiges Verbot würde Millionen junger Menschen, die Spaß am Computerspielen haben, pauschal diskriminieren. Insofern halte ich den Vorschlag für absurd. Die Junge Union setzt sich dafür ein, dass der immer populärer werdende eSport auch von der Politik endlich als Teil der Jugendkultur begriffen wird. Für diese Position haben wir auch an unserem JU-Stand auf der gamescom in Köln viel Zustimmung erhalten. Wir Jüngeren sind gefragt, Aufklärung zu betreiben.

stigma:
Nach der Karlsruher Gemeinderatsfraktion der Grünen sei es das eigentliche Problem, dass jeder sich diese Spiele heute zu Hause auf den Computer laden könne, ganz ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mit bekommt. Unser Bundespräsident Horst Köhler sieht dies ähnlich und mahnt die Bürger manche Spiele nicht zu nutzen, auch wenn diese nicht verboten sind. Wissenschaftler wie Politiker fordern darüber hinaus eine gesellschaftlicher Ächtung. Während es nach dem Medienpsychologen Rudolf Weiß nur geächtet werden sollte, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient, verlangt sein Kollege Helmut Lukesch eine gesellschaftliche Ächtung bis zur jugendlichen Freundin, die ihren Freund vor die Wahl stellen sollte, sich mit ihr anstatt mit bluttriefenden Computerspielen zu beschäftigen. Regine Pfeiffer (Schwester des Kriminologen Christian Pfeiffers und ebenfalls Kritiker von Videospielen) attestiert mittlerweile, dass man manche der Vorgänge bereits unter der Überschrift Diskriminierung unterbringen könne.
Inwieweit stehen Sie hinter derartigen Forderungen?

Philipp Mißfelder:
Ich bin für eine sachliche Debatte. Aktionismus bringt nichts. In Deutschland haben wir bereits eines der strengsten Jugendschutzgesetze der Welt. Eine Verschärfung ist nicht notwendig. Entscheidend ist es, dass die Medienkompetenz der Eltern gestärkt wird. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kinder altersgemäß und verantwortungsbewusst mit dem Computer, Spielekonsolen oder dem Internet umgehen. Dieser Aspekt kommt in der aktuellen Diskussion zu kurz.

stigma:
Es wird oft versucht Videospiele in schlechte und gute zu unterteilen. Wie schwer das ist zeigt das Rollenspiel „Drakensang“, das Anfang des Jahres als pädagogisch wertvoll prämiert wurde. Mittlerweile werden aber mit „World of Warcraft“ auch Rollenspiele als „Killerspiel“ gebrandmarkt.Versuchen auch Sie Videospiele nach kulturellem und pädagogischem Wert zu unterteilen und die missliebigen durch eine Förderung der gesellschaftlich erwünschten zu verdrängen, wie es das „Team Grün“ ausgedrückt hat?

Philipp Mißfelder:
Wir wollen keine Verbotsgesellschaft. Es kann nicht die Aufgabe der Politik sein, den Menschen vorzuschreiben, welche Computer- und Videospiele gespielt werden sollen. Jeder Einzelne muss sich frei entscheiden können, ob er je nach Bedarf lieber zur Lernsoftware, zum Strategiespiel oder zum Actiongame greift. Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Gamer.

stigma:
Wie Sie sicherlich wissen sind gewaltverherrlichende Videospiele bereits verboten, gewaltbeherrschte faktisch auch. Fordern sie dennoch, wie z.B. die Innenminister auf ihrer Frühjahrskonferenz oder Bayern und Niedersachsen im Bundesrat, eine weitere Verschärfung der gesetzlichen Regelungen? So hat bereits der SPD-Innenexperte Wiefelspütz angekündigt, dass ein Verbot von Killerspielen unabhängig von den Wahlen sicher komme und Thomas Strobl verlangt Internetsperren auch in Bezug auf „Killerspiele“ zu diskutieren.

Philipp Mißfelder:
Wir lehnen als Junge Union Verschärfungen der bestehenden gesetzlichen Regelungen entschieden ab. Forderungen, legale und geprüfte Computerspiele zu verbieten, sind falsch. Und auch die Politik muss sich zurücknehmen und sich mehr beraten lassen. Leider fehlt vielen Politikern das Wissen über die Chancen des Internets und die positiven Wirkungen von Computerspielen. Es gibt einen digitalen Generationenkonflikt. Die Einwände der community müssen daher ernster genommen werden. Als Junge Union sind wir Teil der community und im intensiven Austausch.

stigma:
Die Indizierung soll eigentlich ein Mittel des Jugendschutzes sein, trifft aber auch erwachsene Gamer. Wegen des mit der Indizierung einhergehenden Verbotes von Werbung und öffentlichem Verkauf werden von einer Indizierung bedrohte Videospiele in Deutschland nicht veröffentlicht. Bei vielen Inhalten, die ausschließlich über das Internet angeboten werden, besteht für deutsche Gamer kein legaler Weg um an indizierte Inhalte zu gelangen. Selbst der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht sich statt einer Ausweitung des strafrechtlichen Verbotes für eine Ausweitung der Indizierung aus, da diese mit der Zerstörung von Marktchancen einen spürbaren Handlungsdruck bei den Herstellern erzeugen würde rechtlich aber viel einfacher als eine Verbotsausweitung durchzusetzen sei. Wie sehen Sie es, dass die Indizierung – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – faktisch wie ein Verbot wirkt?

Philipp Mißfelder:
Auch hier gilt, dass wir gegen eine Verschärfung der gesetzlichen Regelungen sind.

stigma:
In Umfragen wird regelmäßig festgestellt, dass die Bevölkerung Videospiele für Amokläufe verantwortlich macht. Eine Studie des amerikanischen Secret Service kam dagegen zum Ergebnis, dass in den USA grade einmal 12 % der jugendlichen männlichen Amokläufer an Schulen an gewalthaltigen Videospielen interessiert waren. Der Großteil der Täter, wie z.B. der Amokläufer von Blacksburg, hatten mit Videospielen nicht zu tun. Wie erklären Sie sich diese öffentliche Meinung? Wie bewerten Sie dabei die Rolle von Presse und Politik?

Philipp Mißfelder:
Es gibt keinen bewiesenen Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Computerspielen. Dies wurde in einer Expertenanhörung im Deutschen Bundestag erneut deutlich. Leider verläuft die Diskussion darüber in der Öffentlichkeit, den Medien und den Parteien zumeist sehr unsachlich. Dabei wird fälschlicherweise vieles miteinander vermengt – Urheberschutz, Umgang mit Computerspielen, Jugendschutz oder die Stärkung der Medienkompetenz von Eltern und Lehrern. Deswegen sind wir gefordert, im Interesse der jungen Generation umfassend über die Potenziale von Computer- und Videospielen aufzuklären und Vorurteile abzubauen.

stigma:
Wie erklären Sie sich, dass bei Unzulänglichkeiten des Jugendschutzes in Bezug auf Videospielen immer Totalverbote verlangt werden, wohingegen es bei Alkohol und Tabak bei moderateren Forderungen bleibt? Insbesondere wo doch der Jugendschutz auch praktisch bei Videospielen noch am besten funktioniert. So kam man nach Testkäufen in drei deutschen Großstädten zum Ergebnis, dass 40 % der Händler Jugendlichen hochprozentigen Alkohol verkaufen. Bei Videospielen „ab 18“ drücken mit 20 % nur halb so viele Händler ein Auge zu.

Philipp Mißfelder:
Das zeigt, dass der Jugendschutz funktioniert, wenn er konsequent eingehalten wird. Allerdings dürfen wir uns nicht damit zufrieden geben. Der Handel steht in der Pflicht, seiner gesetzlichen Verantwortung gerecht zu werden.

stigma:
Vielen Dank für das Gespräch. Wollen Sie in einem Schlusswort uns Gamern noch etwas mit auf den Weg geben?

Philipp Mißfelder:
Helft auch künftig mit, die Debatte über Computer- und Videospiele zu versachlichen. Helft mit, den digitalen Generationenkonflikt durch Aufklärung zu beenden. Die Junge Union steht als Ansprechpartner zur Verfügung, da auch in den Parteien noch viel Überzeugungsarbeit nötig ist.

(Erstveröffentlichung: Stigma Videospiele 21.09.09 mit freundlicher Genehmigung von Matthias Dittmayer)

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