Bundestagswahl 09: Interview mit Hans-Joachim Otto

Montag, September 14, 2009
By Gerald Jörns
Bundestagswahl © DBT

Bundestagswahl © DBT

Viele Gamer erhalten auf Anfragen, wie die Parteien zu gewaltdarstellenden Videospielen stehen, leider regelmäßig Standardantworten, die auf aktuelle Entwicklungen nicht eingehen. Zum Teil wird noch von der geplanten Verschärfung der Indizierung gesprochen, obwohl diese längst beschlossen und umgesetzt ist. Auch in den Wahlprogrammen findet sich über ein „Killerspielverbot“ keine eindeutige Aussage. Wir haben nun die medienpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen um Stellungnahmen gebeten:

stigma:
Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Könnten Sie sich unseren Besuchern kurz vorstellen?

Hans-Joachim Otto:
Mein Name ist Hans-Joachim Otto. Ich bin Mitglied des Deutschen Bundestages und dort Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien. Außerdem bin ich Mitglied im Bundesvorstand der FDP und Vorsitzender der FDP-Kommission für Internet und Medien.

stigma:
Als Reaktion auf Winnenden haben viele namhafte Unternehmen auch praktische Konsequenzen gezogen. Während die Deutsche Bahn Werbung für bestimmte Videospiele eingestellt hat haben Kaufhäuser und Supermärkte Spiele „ab 18“ als Zeichen für soziale und gesellschaftspolitische Verantwortung aus den Regalen genommen oder komplett aus dem Sortiment gestrichen. Beim sozialen Netzwerk mysuccess muss sich sogar jedes neue Mitglied einem Verhaltenskodex unterwerfen, der den vollkommenen Verzicht von Killerspielen beinhaltet. Diese und ähnliche Maßnahmen wurden von der Politik ausdrücklich begrüßt. Nach den Worten von Jürgen Kucharczyk (SPD-Bundestagsfraktion) sollten andere Kaufhäuser und Videotheken diesem Beispiel folgen. Auch Bayerns Medienminister Siegfried Schneider gratuliert Kaufhof zum mutigen Schritt als Beitrag zu einem wirksamen Kinder- und Jugendschutz und zur gemeinsamen Ächtung von Gewalt in Computerspielen. Was ist die offizielle Meinung Ihrer Partei zu diesen Bespielen von gelebter Unternehmensverantwortung in Bezug auf gewaltdarstellende Videospiele?

Hans-Joachim Otto:
Für einen wirksamen Jugendmedienschutz muss jeder seinen Teil beitragen. Nicht nur die Politik, sondern Kinder und Jugendliche, deren Eltern, Lehrer, Hersteller und Vertreiber von Spielen und viele mehr müssen dabei mitwirken. Unternehmensverantwortung ist dabei immer ein wichtiger Baustein. Welche Produkte in welcher Form verkauft werden, ist – so lange nicht gegen Gesetze verstoßen wird – allerdings Angelegenheit des Verkäufers und nicht der Politik.

stigma:
Nach Winnenden konnten in diversen Städten eSport-Turniere und LAN-Parties nicht stattfinden. Dies ist maßgeblich auf den Druck von CDU, SPD und Grünen in den jeweiligen Städten zurückzuführen. Allgemein will man derartige Spielen in öffentlichen Gebäuden nicht dulden, da solche Veranstaltungen Gaming „hoffähig“ machen könnten. Vereinzelt gab es jedoch Kritik an der Art, wie man diese Veranstaltungen unterbunden hat. So forderte der Oberbürgermeister von Karlsruhe rechtliche Grundlagen für ein Verbot solcher Veranstaltungen zu schaffen, da man die Gamer nicht willkürlich in die Illegalität drängen könne. Wünschen Sie sich die Schaffung einer rechtlichen Grundlage für ein Verbot solcher Veranstaltungen? Wie stehen Sie allgemein zum Vorgehen gegen den eSport, den selbst der Journalist Rainer Fromm für „ok und zukunftsträchtig“ hält?

Hans-Joachim Otto:
Pauschale Verbote solcher Veranstaltungen halte ich für falsch. E-Sport-Turniere oder LAN-Parties fördern nach meinem Verständnis das soziale und kulturelle Miteinander und den gesellschaftlichen Austausch. “Spielen” heißt auch “Lernen”, Fähigkeiten und Fertigkeiten ausprägen, kreativ sein, nachdenken. Letztendlich muss aber jede Einrichtung selbst entscheiden können, welche Veranstaltung sie zulassen möchte.

stigma:
Nach der Karlsruher Gemeinderatsfraktion der Grünen sei es das eigentliche Problem, dass jeder sich diese Spiele heute zu Hause auf den Computer laden könne, ganz ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mit bekommt. Unser Bundespräsident Horst Köhler sieht dies ähnlich und mahnt die Bürger manche Spiele nicht zu nutzen, auch wenn diese nicht verboten sind. Wissenschaftler wie Politiker fordern darüber hinaus eine gesellschaftlicher Ächtung. Während es nach dem Medienpsychologen Rudolf Weiß nur geächtet werden sollte, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient, verlangt sein Kollege Helmut Lukesch eine gesellschaftliche Ächtung bis zur jugendlichen Freundin, die ihren Freund vor die Wahl stellen sollte, sich mit ihr anstatt mit bluttriefenden Computerspielen zu beschäftigen. Regine Pfeiffer attestiert mittlerweile, dass man manche der Vorgänge bereits unter der Überschrift Diskriminierung unterbringen könne. Inwieweit stehen Sie hinter derartigen Forderungen?

Hans-Joachim Otto:
Ich wehre mich gegen eine Ächtung und Verteufelung von Computerspielen und Computerspielern aus ideologischen und populistischen Gründen. Ob Fernsehen, Computerspiele oder Internet, ständig müssen die gar nicht mehr so “neuen” Medien für Schuldzuweisungen herhalten. Das ist falsch und kontraproduktiv. Die FDP will eine freie und vielfältige Medienlandschaft mit effektiven Jugendschutzmechanismen, keine Bevormundung der Bürger. Die bereits bestehenden Grenzen (etwa das Verbot von Gewaltverherrlichung in § 131 StGB) sind ausreichend.

stigma:
Es wird oft versucht Videospiele in schlechte und gute zu unterteilen. Wie schwer das ist zeigt das Rollenspiel „Drakensang“, das Anfang des Jahres als pädagogisch wertvoll prämiert wurde. Mittlerweile werden aber mit „World of Warcraft“ auch Rollenspiele als „Killerspiel“ gebrandmarkt. Versuchen auch Sie Videospiele nach kulturellem und pädagogischem Wert zu unterteilen und die missliebigen durch eine Förderung der gesellschaftlich erwünschten zu verdrängen, wie es das „Team Grün“ ausgedrückt hat?

Hans-Joachim Otto:
Ich setze mich für eine freie Entfaltung von Interessen und Geschmäckern ein. Eine Unterteilung von Videospielen nach kulturellem und pädagogischem Wert steht der Politik nicht zu. Wir brauchen transparente, klare Altersvorgaben und keine Bevormundung oder “Geschmackspolizei”. Die FDP-Bundestagsfraktion tritt gegen die Einschränkung medialer und kultureller Freiheit und für die Stärkung individueller Verantwortung ein.

stigma:
Wie Sie sicherlich wissen sind gewaltverherrlichende Videospiele bereits verboten, gewaltbeherrschte faktisch auch. Fordern sie dennoch, wie z.B. die Innenminister auf ihrer Frühjahrskonferenz oder Bayern und Niedersachsen im Bundesrat, eine weitere Verschärfung der gesetzlichen Regelungen? So hat bereits der SPD-Innenexperte Wiefelspütz angekündigt, dass ein Verbot von Killerspielen unabhängig von den Wahlen sicher komme und Thomas Strobl verlangt Internetsperren auch in Bezug auf „Killerspiele“ zu diskutieren.

Hans-Joachim Otto:
Die FDP-Bundestagsfraktion tritt gegen weitere Gesetzesverschärfungen und Verbote ein. Sie wird sich auch in Zukunft gegen weitere Verbote im Bereich der Unterhaltungssoftware einsetzen. Denn solche Verbote schränken nicht nur das kulturelle Leben ein, sie schaden angesichts der großen wirtschaftlichen Bedeutung von Computerspielen auch der Volkswirtschaft. Verbote wirken zudem kontraproduktiv. Gesellschaftliche Fehlstellungen und individuelles Fehlverhalten werden monokausal oft auf das Spielen von bestimmten Computerspielen und den Konsum bestimmter Medien reduziert. Das ist falsch. Schließlich suggerieren Verbote eine Sicherheit, die faktisch nicht existiert. Damit wird das Verantwortungsbewusstsein des einzelnen geschwächt.

stigma:
Die Indizierung soll eigentlich ein Mittel des Jugendschutzes sein, trifft aber auch erwachsene Gamer. Wegen des mit der Indizierung einhergehenden Verbotes von Werbung und öffentlichem Verkauf werden von einer Indizierung bedrohte Videospiele in Deutschland nicht veröffentlicht. Bei vielen Inhalten, die ausschließlich über das Internet angeboten werden, besteht für deutsche Gamer kein legaler Weg um an indizierte Inhalte zu gelangen. Selbst der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht sich statt einer Ausweitung des strafrechtlichen Verbotes für eine Ausweitung der Indizierung aus, da diese mit der Zerstörung von Marktchancen einen spürbaren Handlungsdruck bei den Herstellern erzeugen würde rechtlich aber viel einfacher als eine Verbotsausweitung durchzusetzen sei. Wie sehen Sie es, dass die Indizierung – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – faktisch wie ein Verbot wirkt?

Hans-Joachim Otto:
Die Indizierung ist zumindest ein “sanfteres” Mittel als das Verbot. Ein faktisches Verbot über eine Indizierung zu erreichen, ist allerdings nicht im Sinne des Erfinders. Hier könnte es in der Tat angezeigt sein, eine Modifizierung am Instrument der Indizierung vorzunehmen. Ziel muss es sein, Kinder und Jugendliche von für sie ungeeigneten Inhalten fernzuhalten, Erwachsenen jedoch den Zugang zu Erwachsenenmedien nicht zu versperren.

stigma:
In Umfragen wird regelmäßig festgestellt, dass die Bevölkerung Videospiele für Amokläufe verantwortlich macht. Eine Studie des amerikanischen Secret Service kam dagegen zum Ergebnis, dass in den USA grade einmal 12 % der jugendlichen männlichen Amokläufer an Schulen an gewalthaltigen Videospielen interessiert waren. Der Großteil der Täter, wie z.B. der Amokläufer von Blacksburg, hatten mit Videospielen nicht zu tun. Wie erklären Sie sich diese öffentliche Meinung? Wie bewerten Sie dabei die Rolle von Presse und Politik?

Hans-Joachim Otto:
Die FDP-Bundestagsfraktion zumindest setzt sich dafür ein, einseitigen Schuldzuweisungen an Computerspiele bzw. -spieler für gesellschaftliche Fehlstellungen oder individuelles Verhalten entgegenzuwirken. Es steht mir nicht zu, die (so pauschal ohnehin nicht vorhandene) öffentliche Meinung oder die (ebenfalls so abstrakt nicht fassbare) Presse zu kritisieren. Meine subjektiven Beobachtungen zeigen – insb. im Online-Bereich – überwiegend eine recht differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass leider auch einige undifferenzierte Berichte existieren, die dann allerdings von anderen Teilnehmern der öffentlichen Debatten kommentiert und kritisiert werden. Für mich ist das ein Kennzeichen unserer pluralistischen Medienwelt. Als Beispiel erinnere ich an die Auseinandersetzung über öffentlich-rechtliche Berichterstattung zum Thema “Computerspiele” bei Youtube, die Ihnen ja bestens bekannt sein dürfte…

stigma:
Wie erklären Sie sich, dass bei Unzulänglichkeiten des Jugendschutzes in Bezug auf Videospielen immer Totalverbote verlangt werden, wohingegen es bei Alkohol und Tabak bei moderateren Forderungen bleibt? Insbesondere wo doch der Jugendschutz auch praktisch bei Videospielen noch am besten funktioniert. So kam man nach Testkäufen in drei deutschen Großstädten zum Ergebnis, dass 40 % der Händler Jugendlichen hochprozentigen Alkohol verkaufen. Bei Videospielen „ab 18“ drücken mit 20 % nur halb so viele Händler ein Auge zu.

Hans-Joachim Otto:
Ich verweise auf meine bisherigen Antworten zu den Fragen nach mehr Verboten, die ich – wie bereits ausgeführt – ablehne.

stigma:
Vielen Dank für das Gespräch. Wollen Sie in einem Schlusswort uns Gamern noch etwas mit auf den Weg geben?

Hans-Joachim Otto:
Ich danke Ihnen für die Fragen! Computerspieler sollten FDP wählen

(Erstveröffentlichung: Stigma Videospiele 08.09.09 mit freundlicher Genehmigung von Matthias Dittmayer)

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