Bundestagswahl 09: Interview mit Grietje Staffelt

Sonntag, September 6, 2009
By Gerald Jörns
Bundestagswahl © DBT

Bundestagswahl © DBT

Viele Gamer erhalten auf Anfragen, wie die Parteien zu gewaltdarstellenden Videospielen stehen, leider regelmäßig Standardantworten, die auf aktuelle Entwicklungen nicht eingehen. Zum Teil wird noch von der geplanten Verschärfung der Indizierung gesprochen, obwohl diese längst beschlossen und umgesetzt ist. Auch in den Wahlprogrammen findet sich über ein „Killerspielverbot“ keine eindeutige Aussage. Wir haben nun die medienpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen um Stellungnahmen gebeten:

stigma:
Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Könnten Sie sich unseren Besuchern kurz vorstellen?

Grietje Staffelt:
Mein Name ist Grietje Staffelt. Ich bin 1975 bin ich in Eckernförde geboren. Mitglied bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bin ich seit 1995. Im April 2000 wurde ich Abgeordnete der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bundestag. Dort wurde ich zunächst medienpolitische Sprecherin, in meiner zweiten Legislaturperiode (2002-2005) wurde ich auch Sprecherin der Fraktion für Bildungspolitik. In dieser Legislatur bin ich Obfrau im Unterausschuss Neue Medien und medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.

stigma:
Als Reaktion auf Winnenden haben viele namhafte Unternehmen auch praktische Konsequenzen gezogen. Während die Deutsche Bahn Werbung für bestimmte Videospiele eingestellt hat haben Kaufhäuser und Supermärkte Spiele „ab 18“ als Zeichen für soziale und gesellschaftspolitische Verantwortung aus den Regalen genommen oder komplett aus dem Sortiment gestrichen. Beim sozialen Netzwerk mysuccess muss sich sogar jedes neue Mitglied einem Verhaltenskodex unterwerfen, der den vollkommenen Verzicht von Killerspielen beinhaltet. Diese und ähnliche Maßnahmen wurden von der Politik ausdrücklich begrüßt. Nach den Worten von Jürgen Kucharczyk (SPD-Bundestagsfraktion) sollten andere Kaufhäuser und Videotheken diesem Beispiel folgen. Auch Bayerns Medienminister Siegfried Schneider gratuliert Kaufhof zum mutigen Schritt als Beitrag zu einem wirksamen Kinder- und Jugendschutz und zur gemeinsamen Ächtung von Gewalt in Computerspielen. Was ist die offizielle Meinung Ihrer Partei zu diesen Bespielen von gelebter Unternehmensverantwortung in Bezug auf gewaltdarstellende Videospiele?

Grietje Staffelt:
Unternehmen müssen selbst entscheiden können, welche Inhalte sie zum Kauf anbieten und welche nicht.
Die „Killerspiel“-Debatte suggeriert, dass in Computerspielen alles erlaubt ist, was in der realen Welt als verboten gilt. Das ist falsch: Gewaltverherrlichende Computerspiele werden schon jetzt gemäß §131 des Strafgesetzbuches verboten. Darüber hinaus können schwer jugendgefährdende Computerspiele durch die Selbstkontrolle indiziert werden, das heißt, sie dürfen nicht beworben und an Jugendliche verkauft werden. Weitere Verbote verhindern keine Amokläufe. Die Forderung nach Verboten verdeckt den Blick auf die Ursachen von Jugendgewalt und auf die vielen guten Spiele, die es gibt.

stigma:
Nach Winnenden konnten in diversen Städten eSport-Turniere und LAN-Parties nicht stattfinden. Dies ist maßgeblich auf den Druck von CDU, SPD und Grünen in den jeweiligen Städten zurückzuführen. Allgemein will man derartige Spielen in öffentlichen Gebäuden nicht dulden, da solche Veranstaltungen Gaming „hoffähig“ machen könnten. Vereinzelt gab es jedoch Kritik an der Art, wie man diese Veranstaltungen unterbunden hat. So forderte der Oberbürgermeister von Karlsruhe rechtliche Grundlagen für ein Verbot solcher Veranstaltungen zu schaffen, da man die Gamer nicht willkürlich in die Illegalität drängen könne. Wünschen Sie sich die Schaffung einer rechtlichen Grundlage für ein Verbot solcher Veranstaltungen? Wie stehen Sie allgemein zum Vorgehen gegen den eSport, den selbst der Journalist Rainer Fromm für „ok und zukunftsträchtig“ hält?

Grietje Staffelt:
Würde ich mir ein Verbot von LAN-Parties oder eSport-Veranstaltungen wünschen, hieße das, dass ich Computerspiele per se verteufeln würde. Aus grüner Sicht sind Computerspiele Teil unserer Alltagskultur und das Spielen der Spiele eine Fortschreibung des altbekannten Spielens mit neuen technischen Mitteln. Sie bergen große Potentiale, nicht zuletzt bei der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten. Ich sehe nicht, warum eSport-Veranstaltungen oder LAN-Parties nicht stattfinden können sollen. Dennoch sollten Kommunen frei entscheiden können, welche Veranstaltungen sie zulassen wollen und welche nicht.

stigma:
Nach der Karlsruher Gemeinderatsfraktion der Grünen sei es das eigentliche Problem, dass jeder sich diese Spiele heute zu Hause auf den Computer laden könne, ganz ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mit bekommt. Unser Bundespräsident Horst Köhler sieht dies ähnlich und mahnt die Bürger manche Spiele nicht zu nutzen, auch wenn diese nicht verboten sind. Wissenschaftler wie Politiker fordern darüber hinaus eine gesellschaftlicher Ächtung. Während es nach dem Medienpsychologen Rudolf Weiß nur geächtet werden sollte, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient, verlangt sein Kollege Helmut Lukesch eine gesellschaftliche Ächtung bis zur jugendlichen Freundin, die ihren Freund vor die Wahl stellen sollte, sich mit ihr anstatt mit bluttriefenden Computerspielen zu beschäftigen. Regine Pfeiffer attestiert mittlerweile, dass man manche der Vorgänge bereits unter der Überschrift Diskriminierung unterbringen könne. Inwieweit stehen Sie hinter derartigen Forderungen?

Grietje Staffelt:
Bündnis 90/Die Grünen verteufeln Computerspiele nicht per se (s.o.), auch wenn es Spiele gibt, die absolut nicht in Kinderhände gehören. Für bedenklich halten wir allerdings das Sucht-Potenzial, das vielen Spielen immanent ist. Hier fordern wir Spielzeitdauereinblendungen, Warnhinweise und Aufklärungsarbeit (nachzulesen in unserem Antrag zu Medienabhängigkeit: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/078/1607836.pdf). Aus grüner Sicht muss auch bei der Altersfreigabe von Online-Spielen nachgebessert werden: Wir wollen, dass es zu einer nachvollziehbaren Altersklassifizierung für Onlinespiele kommt. Dazu bedarf es einer klaren Regelung zwischen der für Spiele zuständigen USK und der für Onlinemedien zuständigen Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM).

stigma:
Es wird oft versucht Videospiele in schlechte und gute zu unterteilen. Wie schwer das ist zeigt das Rollenspiel „Drakensang“, das Anfang des Jahres als pädagogisch wertvoll prämiert wurde. Mittlerweile werden aber mit „World of Warcraft“ auch Rollenspiele als „Killerspiel“ gebrandmarkt. Versuchen auch Sie Videospiele nach kulturellem und pädagogischem Wert zu unterteilen und die missliebigen durch eine Förderung der gesellschaftlich erwünschten zu verdrängen, wie es das „Team Grün“ ausgedrückt hat?

Grietje Staffelt:
Bündnis 90/Die Grünen setzen sich für ein Qualitätssiegel ein, mit dem hochwertige Computerspiele gekennzeichnet werden sollen – vor allem, um die Branche, ihre Kreativität und insbesondere unbekannte SpieleentwicklerInnen zu fördern. Das können pädagogisch wertvolle, besonders anspruchsvolle, lehrreiche, aber auch besonders nachhaltige Spiele sein. Eine genaue Definition von „hochwertig“ haben wir aber nicht in der Schublade liegen.

stigma:
Wie Sie sicherlich wissen sind gewaltverherrlichende Videospiele bereits verboten, gewaltbeherrschte faktisch auch. Fordern sie dennoch, wie z.B. die Innenminister auf ihrer Frühjahrskonferenz oder Bayern und Niedersachsen im Bundesrat, eine weitere Verschärfung der gesetzlichen Regelungen? So hat bereits der SPD-Innenexperte Wiefelspütz angekündigt, dass ein Verbot von Killerspielen unabhängig von den Wahlen sicher komme und Thomas Strobl verlangt Internetsperren auch in Bezug auf „Killerspiele“ zu diskutieren.

Grietje Staffelt:
Wir fordern keine weiteren Verbote, s.o. Es scheint derzeit, als ob Diejenigen, die weitere Verbote fordern, vergessen haben, dass die große Koalition erst vor einem Jahr den Jugendschutz mit dem ursprünglichen Ziel, „Killerspiele“ zu verbieten novelliert hat. Seitdem sind “selbstzweckhafte Gewalt” in Spielen oder “gewaltbeherrschte Spiele” verboten. Zunächst müsste also ausgewertet werden, was sich aufgrund dieser Verschärfungen wirklich verändert hat: Ob diese zusätzlichen Formulierungen also Ziel führend waren. Wenn es gelänge, „Killerspiel“ zu definieren, bliebe spannend, ob dann mehr verboten werden müsste als bislang schon verboten ist.

stigma:
Die Indizierung soll eigentlich ein Mittel des Jugendschutzes sein, trifft aber auch erwachsene Gamer. Wegen des mit der Indizierung einhergehenden Verbotes von Werbung und öffentlichem Verkauf werden von einer Indizierung bedrohte Videospiele in Deutschland nicht veröffentlicht. Bei vielen Inhalten, die ausschließlich über das Internet angeboten werden, besteht für deutsche Gamer kein legaler Weg um an indizierte Inhalte zu gelangen. Selbst der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht sich statt einer Ausweitung des strafrechtlichen Verbotes für eine Ausweitung der Indizierung aus, da diese mit der Zerstörung von Marktchancen einen spürbaren Handlungsdruck bei den Herstellern erzeugen würde rechtlich aber viel einfacher als eine Verbotsausweitung durchzusetzen sei. Wie sehen Sie es, dass die Indizierung – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – faktisch wie ein Verbot wirkt?

Grietje Staffelt:
Ich bin der Auffassung, dass eine Altersfreigabe-Prüfung von Online-Spiele hier vieles klären könnte.

stigma:
In Umfragen wird regelmäßig festgestellt, dass die Bevölkerung Videospiele für Amokläufe verantwortlich macht. Eine Studie des amerikanischen Secret Service kam dagegen zum Ergebnis, dass in den USA grade einmal 12 % der jugendlichen männlichen Amokläufer an Schulen an gewalthaltigen Videospielen interessiert waren. Der Großteil der Täter, wie z.B. der Amokläufer von Blacksburg, hatten mit Videospielen nicht zu tun. Wie erklären Sie sich diese öffentliche Meinung? Wie bewerten Sie dabei die Rolle von Presse und Politik?

Grietje Staffelt:
Schreckliche Gewaltausbrüche junger Menschen wie in Erfurt, Emsdetten oder Winnenden lassen sich nicht eindimensional erklären. Wer nur „Killerspiele“ verantwortlich macht, übernimmt ein in konservativen Kreisen sehr beliebtes Argumentationsmuster, wenn es um Jugendgewalt geht. Im Kern macht man dort gern den veränderten bzw. den stärkeren Medienkonsum (sowie die Inhalte dieser Medien) für eine angenommene Zunahme von Jugendgewalt verantwortlich. Dabei werden die komplexen Hintergründe solcher Taten ausgeblendet. Wir plädieren für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den psychischen, sozialen und lebensalltäglichen Ursachen.

stigma:
Wie erklären Sie sich, dass bei Unzulänglichkeiten des Jugendschutzes in Bezug auf Videospielen immer Totalverbote verlangt werden, wohingegen es bei Alkohol und Tabak bei moderateren Forderungen bleibt? Insbesondere wo doch der Jugendschutz auch praktisch bei Videospielen noch am besten funktioniert. So kam man nach Testkäufen in drei deutschen Großstädten zum Ergebnis, dass 40 % der Händler Jugendlichen hochprozentigen Alkohol verkaufen. Bei Videospielen „ab 18“ drücken mit 20 % nur halb so viele Händler ein Auge zu.

Grietje Staffelt:
Hier verweise ich auf unsere vorhergehenden Antworten: Computerspiele müssen häufig den Sündenbock spielen, wenn es eigentlich um komplexere Probleme und Zusammenhänge geht. Vermutlich sind Unkenntnis über die Spiele, ihre Inhalte und deren Wirkungen ein Grund für den Umgang mit ihnen.

stigma:
Vielen Dank für das Gespräch. Wollen Sie in einem Schlusswort uns Gamern noch etwas mit auf den Weg geben?

Grietje Staffelt:
Computerspiele sind ein bedeutendes Wirtschaftsgut und fester Bestandteil unserer Kultur. Diesen Trend stoppt zum Glück auch die immer wieder aufkeimende Debatte um sogenannte “Killerspiele” nicht. Die Computerspielbranche ist eine der wichtigsten Zukunftsbranchen. Bestehende Aus- und Fortbildungsgänge müssen so weiterentwickelt werden, dass dort auch die Fähigkeiten zur Computerspielentwicklung erlernt werden. Außerdem bedarf es neuer Studiengänge. Kleine Spieleentwicklerinnen und –entwickler brauchen strukturelle Hilfe. Hier werden innovative Ideen geboren, die sich aber aufgrund der enormen Kosten am Markt ohne Hilfe oft nicht durchsetzen können.

(Erstveröffentlichung: Stigma Videospiele 26.08.09 mit freundlicher Genehmigung von Matthias Dittmayer)

Tags: , , , , , , , ,

Comments are closed.